Ausbrechen um klarer zu sehen: BULA is over – ESTONTECO bleibt!

Wir haben den 6. August 2017. Ich sitze im Hauptbahnhof Berlin erschöpft auf einer Bank am Gleis 12 und warte auf den RE nach Frankfurt an der Oder. Es ist heiß, 28° C ungefähr, und es ist laut. Zu laut – für meine Ohren jedenfalls. Ich habe gerade so etwas wie den Sommer meines Lebens hinter mir. Da bin ich mir schon jetzt ziemlich sicher. Die letzten 17 Tage habe ich in Brandenburg auf dem Bundeslagerplatz des VCP in Großzerlang verbracht.

Ein knappes Jahr lang hatten wir uns vorbereitet, um das BdP Bundeslager „Estonteco – Lebe den Kontinent“ zu einem unvergesslichen Erlebnis für 5000 junge Menschen zu machen. Am 20. Juli begann dann unsere Reise. Wir starteten in Kiel und sammelten unterwegs verschiedene Teammitglieder ein. Nach einem sehr unterhaltsamen Zwischenstopp im „Croquodil“ in Bargteheide, fuhren wir bis nach Brandenburg weiter und beschlossen unweit des Lagerplatzes, „kalte Platte“ zu machen. Die erste Nacht im Schlafsack auf dem Waldboden, unter sternenklarem Himmel gleicht im Rückblick einer Art Zwischenstation, auf dem Weg von der „echten“ Welt in ein Paralleluniversum, in einen Mikrokosmos in dem andere Gesetze gelten.

Als wir am nächsten Tag früh in Großzerlang ankamen, war von der Zeltstadt, die in den kommenden Tagen hier wachsen sollte, noch nicht viel zu sehen. In unserem Landesteam waren wir guter Dinge. Wir waren früh angereist. Das Entladen des LKWs hatte zwar Kraft gekostet, aber wir lagen gut in der Zeit. Das Wetter war zwar durchwachsen, aber davon ließen wir uns unsere Laune nicht verderben. Als Technikteam hatten wir uns Einiges vorgenommen: Neben den üblichen notwendigen Unterlagerelementen, wie einer Bühne, dekorativen Kleinbauten, Schlafzelten, Waschzelten, und so weiter, wollten wir einen Leuchtturm errichten, den man auch nachts von Weitem sehen können sollte. Außerdem hatten wir in der Vorbereitung eine Pintenkonstruktion aus 7 Jurtendächern nebst angeschlossener Küche und Singejurte ersonnen. Auf große technische Hilfsmittel, wie eine Hebebühne, wollten wir verzichten. Stück für Stück wuchsen unsere Bauten, wie die der anderen Unterlager, in die Höhe.

Am zweiten oder dritten Tag hatten wir bereits das Dach der Pinte hochgezogen. Ich gab mich insgeheim schon der Vorfreude hin, dass wir es diesmal fertig bringen würden, das gesamte Unterlager, inklusive Großkonstruktionen, bis zum offiziellen Lagerbeginn fertigzustellen. Der weiche Sandboden, der Standort unseres Großzeltes und eine einzige starke Windböe, machten diese Vorfreude am Nachmittag allerdings in wenigen Sekunden zunichte. Wir waren gerade dabei, die Seitenbahnen zu knöpfen, und hatten damit dummerweise auf der windabgewandten Seite begonnen. Damit hatten wir den perfekten Windfang gebaut. Von einem Moment auf den anderen blies eine heftige Böe die Konstruktion auf, wie ein gerade gesetztes Segel, die Jurtendächer hoben ab und die 7 Stangen, an denen das Ganze hochgezogen war, aus ihren Bohrlöchern. Eine Sekunde später fiel das ganze Ensemble seitwärts zu Boden, wie ein Drachen, bei dem man die Flugleine loslässt. Einige von uns saßen zu diesem Zeitpunkt in besagter Konstruktion. Ich war gerade mit dem Festknöpfen der Seitenbahnen beschäftigt gewesen, und hatte, als der Windstoß das Zelt anhob, reflexhaft versucht die Konstruktion am Boden zu halten, indem ich die Traufkante des vor mir befindlichen Jurtendachs griff. Es grenzt an ein Wunder, dass wir ohne schwerwiegende Verletzungen davonkamen.

Da standen wir nun: Durchnässt vom Regen, teilweise mit Prellungen, Kratzern und Platzwunden versehen, vor uns ein loser Haufen Zeltmaterial, in den wir viele Stunden körperliche Arbeit und noch viel mehr Planungszeit gesteckt hatten. Im Anblick unseres Landesteams, das sich im Kreis um einige Materialkisten nahe des Trümmerfeldes versammelt hatte, und ob der noch stehenden Großkonstruktionen unserer Nachbarn, übermannte mich das Gefühl, als einer der Leiter des Technikteams massiv versagt zu haben. Ich vergewisserte mich noch, dass es Alle einigermaßen unverletzt aus dem Trümmerhaufen geschafft hatten, aber dann wusste ich nicht mehr was ich sagen sollte. War der Unfall auf meine mangelnde Erfahrung zurückzuführen? Hatte ich mir mit dem Posten der Technikleitung vielleicht zu viel vorgenommen? Würden die Mitglieder unseres Unterlagers nun unter meiner Inkompetenz leiden müssen? Ich war ziemlich verzweifelt. Meine Gedanken rasten, wollten sich aber nicht zu einem Plan zusammenfügen, wie es jetzt weitergehen könnte. Vor allem erwartete ich, dass mich persönlich oder das Technikteam in Kürze die ersten Schuldzuweisungen treffen würden. Diese blieben aber aus. Auf einen Unfall, für den in Wirtschaft oder Politik in der Regel ein*e Schuldige*r gefunden werden muss, reagierte unser Team mit einem unglaublich hohen Maß an Zusammenhalt und Eigeninitiative.

Als wir in kleiner Runde am Abend vor dem offiziellen Lagerbeginn in einer fertig aufgebauten 7er-Jurte, mit angeschlossener Küche und Singejurte saßen, sagte irgendjemand: „Das war mit Abstand die krasseste Teambuilding-Maßnahme, die ich jemals erlebt habe.“ Wie sehr uns diese Extremsituation zusammengeschweißt hatte, war tatsächlich über die gesamte Dauer des Bundeslagers zu spüren. In unserem Team herrschte eine Atmosphäre, die ich so noch nie erlebt hatte, auch nicht auf bisherigen Pfadfinder-Aktionen. Auch wenn die Teilteams (Programm, Küche/Pinte, Technik, Gesamtleitung) mit dem beginnenden Lagerbetrieb in ihren jeweiligen Aufgabenbereichen versanken, hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, auch nur den Kontakt zu einer einzigen Person zu verlieren. Ich war mir durchgehend sicher, wenigstens ungefähr spüren zu können, wie es jedem einzelnen Teammitglied ging, wer Hilfe benötigte, wer alleine gelassen werden musste, wo sich Frust anstaute und was für ein gelingendes Zusammenleben als nächster Schritt nötig war. Die Qualität der gegenseitigen Anerkennung, des Respekts und der Fürsorge, der Verantwortung für das Ganze und der Souveränität und Entschlossenheit, aber auch der Achtsamkeit im Umgang mit aufkommenden Problemen, beeindruckt mich noch immer.

Geschlossener Pinteneingang und unfertiger Leuchtturm. Weil wir den Jurtendom zweimal aufbauen musste, tauften wir ihn „Bretterbude 2.0“.

Jetzt, hier an Bahngleis 12, stürmt die Welt auf mich ein. Die hektische, die hyperventilierende Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Kaum jemand nimmt seine Mitmenschen wahr, während von einem Gleis zum nächsten gehetzt wird. Wer Zeit hat, zieht sich schnell noch eine Cola am Automaten, oder verschlingt halb rennend ein belegtes Brötchen vom Kiosk. Die Bahnhofsdurchsagen aus den Lautsprechern bellen die nächsten Verbindungen über die wuselnde Menge. Wer am Handy telefoniert, versucht die Lautsprecher zu überschreien. Züge schießen in das Bahnhofsgebäude und kommen unter ohrenbetäubendem Lärm zum Stehen. Von draußen weht der Verkehrslärm in die Halle, die Luft riecht und schmeckt nach Abgasen, nach Eisen und nach Schweiß. Als ich mich umdrehe, sehe ich wie ein schlecht rasierter Mann mit Lederjacke und schwarzen Kopfhörern genervt mit voller Kraft auf eine kränklich wirkende, humpelnde Taube tritt, die verstört zwischen dem einfahrenden Zug und der Menschenmenge umhergeirrt war. Eine Frau pöbelt ihn an: „Hey, was soll das? Sind sie bescheuert?“ Aber da ist er auch schon in der S-Bahn gegenüber verschwunden. Die tote Taube wird wenig später von einem Bahnhofsmitarbeiter mit einem Kehrblech aufgesammelt und in die Mülltonne geschmissen. Ich habe Kopfschmerzen, meine Augen brennen, ich muss hier raus.

„Im ersten Moment dachte ich, die Welt hätte sich vergessen. Dann fiel mir auf, dass ich die Welt vergessen hatte.“

In „Vom Ende der Klimakrise“ beschreibt Luisa Neubauer ein ähnliches Erlebnis. Nachdem sie knapp zwei Monate in einer südenglischen Community verbracht hat, in der konsequent versucht wird, so nachhaltig wie möglich zu leben, wird sie in London mit der kapitalistischen Mehrheitsgesellschaft konfrontiert:

Ich hatte meine Gummistiefel noch in der Hand, als ich einen Tag später auf der Londoner Oxford Street stand. Und ich werde ihn nie vergessen, diesen Moment, als mich der plastikverpackte Wahnsinn der Postmoderne überrollte. Diese Menschenmassen, die da an mir vorbeirauschten, rechts und links, dicht an dicht, hektisch schwitzend, zwischen dröhnenden Bussen und hupenden Autos. Rein in die Geschäfte, schwer beladen, immer weiter – Summer Special, Super Sale. Und alles in Plastik, voll beladene Regale bis zur Decke.

Luisa Neubauer und Alexander Repenning: Vom Ende der Klimakrise. Eine Geschichte unserer Zukunft, Stuttgart 2019, S. 96.

Es gibt verschiedene Schlüsse, die man aus einer solchen Erfahrung ziehen kann. Manche werden irgendwann zu Aussteiger*innen, weil sie mit dem kapitalistischen Arbeitsfetisch und Konsumismus endgültig brechen wollen, weil sie mit einem System, das auf Ausbeutung basiert, nichts mehr zu tun haben wollen. Das ist ein folgerichtiger Schluss, den ich gut nachvollziehen kann. Insgeheim habe ich solche Menschen für die Konsequenz, mit der sie ihren Idealismus in die Tat umsetzen, immer bewundert. Was man allerdings nicht vergessen darf: An den bestehenden Verhältnissen ändert sich dadurch nichts, jedenfalls nicht genug, um für diejenigen eine signifikante Verbesserung herbeizuführen, denen die Wahl „auszusteigen“ gar nicht erst gegeben ist. Deshalb ziehe ich eine andere Lehre aus der Konfrontation mit dem „plastikverpackten Wahnsinn der Postmoderne“. Wir müssen aus der Gesellschaft nicht ausbrechen, sondern sie verändern. Mehr Estonteco, weniger Hauptbahnhof! Gehen wir noch einmal zurück auf den Lagerplatz.

Die Infrastruktur von „Haveno“, dem Unterlager unseres Landesverbandes, sah so aus: Zunächst wurden Behausungen, Küche, Sanitätszelt und Versammlungsorte aufgebaut, und die Versorgung mit Wasser und Brennmaterial sichergestellt. Mit Beginn des Lageralltags, nahmen die Teilteams ihre Arbeit auf. Für die Instandhaltung der Infrastruktur, die medizinische Versorgung und die Sicherheit, war das Technikteam zuständig. Das Pintenteam kümmerte sich um die Verpflegung und bot am Abend ein Unterhaltungsprogramm für die Älteren an. Das Programmteam kümmerte sich gewissermaßen – und das ist eigentlich der Hauptanlass eines jeden Pfadfinderlagers – um die Bildung und Erziehung der Jüngsten. Die Gesamtleitung war vor allem der gelingenden Kommunikation untereinander verpflichtet und behielt den Überblick über alle Teilbereiche des Unterlagers. Der Umgang miteinander folgte einem System von Regeln, die wir zwar auch als Pfadfinderregeln niedergeschrieben haben, die aber vor allem auf geteilten Werten basieren, welche Achtsamkeit und den Einsatz für die Gemeinschaft begünstigen. Natürlich umfasst kein Pfadfinderlager alle systemrelevanten Elemente einer funktionierenden Gesellschaft. Es lassen sich trotzdem richtungsweisende Regeln des sozialen Miteinanders ausmachen, die sich auf die Gesellschaft übertragen lassen. Das übermäßige Anhäufen von Material oder die überproportionale Flächennutzung einzelner Gruppen, wird zum Beispiel sanktioniert. Es heißt nicht umsonst, dass „Pfadfinder teilen“. Was auf dem Lagergrund nicht geht, findet in der „realen Welt“ aber statt. Denken wir etwa an die geradezu obszöne Anhäufung von Reichtum in den Händen weniger Menschen, die Überfischung an der westafrikanischen Küste durch europäische Trawler oder das Abholzen des Regenwaldes im Amazonasgebiet zur Herstellung von Futtersoja für die deutsche Rinderzucht.

Du brauchst mehr Platz für ein privates Waschzelt mit Badewanne und Durchlauferhitzer? Lustig. Und wo sollen wir dann kochen?

Natürlich lassen sich die Gesetzmäßigkeiten eines Pfadfinderlagers nicht „einfach so“ auf die Gesellschaft anwenden. Wie ich oben geschildert habe, ist für das Entstehen dieser Parallelwelt eine Menge Planungs- und Organisationsaufwand nötig. Außerdem handelt es sich natürlich um keine Struktur von langer Dauer, was auch den Reiz des Ganzen ausmacht. Obwohl es sich bei der Struktur eines Bundeslagers (und ähnlicher sozialer Ereignisse) also nicht um eine dauerhafte Alternative zum bestehenden Gesellschaftssystem handelt, erhält man hier doch tiefgreifende Erkenntnisse über die Bedingungen eines gelingenden sozialen Miteinanders. Es gibt zwar keine Zwangsläufigkeit dafür, dass dieses Wissen sich auf unseren Alltag auswirkt – schließlich kann man sich auch auf einer Pfadfinderaktion einfach eine Zeit lang dem Eskapismus hingeben, und anschließend wieder in die übliche gesellschaftliche Realität eintauchen, als wäre nichts gewesen – aber wenn der Wunsch nach einem dauerhaften gesellschaftlichen Wandel schon vorhanden ist, hilft der vorübergehende Aufenthalt im subkulturellen Paralleluniversum den Blick für die Funktionsweisen unseres konsum- und wachstumsorientierten Gesellschaftsmodells zu schärfen.

Mehr noch: Es ist vorübergehend nicht einmal mehr nötig, das System unter hohem Einsatz kognitiver Ressourcen zu analysieren. Man prallt auch emotional mit der Postmoderne schmerzhaft zusammen, wie ein in Eile befindlicher Flugpassagier mit der frisch geputzten Glasschiebetür zum Terminal. Die ersten Tage nach der Rückkehr aus Estonteco, hatte ich ernsthafte Schwierigkeiten, mich wieder an die Umgangsformen des Alltags anzupassen. Und dabei meine ich nicht die unterhaltsame Anekdote, dass es nach Wochen der Benutzung von Kompost-Toiletten einigen von uns schwerfiel, sich regelmäßig an das Betätigen der häuslichen Klospülung zu erinnern, was eine gewisse, negativ gefärbte Verwunderung bei Familien und Mitbewohner*innen zur Folge hatte. Vielmehr erschien mir der ganz normale Umgang meiner Mitmenschen im Alltag oft irrational oder unvernünftig zu sein. Die Logik des täglichen Miteinanders wollte sich mir für kurze Zeit einfach nicht mehr selbständig erschließen.

Jetzt sei doch vernünftig!

Was meint eigentlich „rational“ oder „vernünftig“ im Bezug auf menschliche Verhaltensweisen? Je nachdem, wen man fragt, bekommt man ganz unterschiedliche Antworten auf diese Frage. In einem meiner Lieblingsbücher heißt es zum Beispiel:

The only test of rationality is not whether a person’s beliefs and preferances are reasonable, but whether they are internally consistent. A rational person can believe in ghosts so long as all her other beliefs are consistent with the existence of ghosts. […] Rationality is logical coherence – reasonable or not.“

Daniel Kahneman: Thinking Fast and Slow, New York 2012, S. 411.

Bei dieser Definition drängt sich natürlich die Frage auf, an welche Geister wir glauben. Und glauben Pfadfinder*innen an andere Geister, als Ottilie Normalverbraucherin? Glauben sie nur während längerer Fahrten und Lager an andere Geister und im Alltag an die selben Geister, wie alle anderen, oder sind sie gewissermaßen dauerhaft abergläubisch? Eigentlich geht es ja auch gar nicht um die Geister, die nur die sichtbaren, skurrilen Auswüchse zugrundeliegender Logiken sind, die offensichtlich wenig mit einer Realität zusammen passen, in der die Gesetze der Physik gelten. Statt also einen quasi-religiösen Konflikt darüber auszutragen, wer den mächtigeren Geisterfreund hat („Wachstum schafft Wohlstand!“, „Postwachstum schafft Wohlsein!“), sollten wir uns vielleicht lieber in einer Art vergleichender Religionswissenschaften versuchen, um der wackeligen Metapher treu zu bleiben.

Auch Niklas Luhmann hat sich mit der Frage auseinandergesetzt, was Vernunft ist. Ihm zufolge ist das, was innerhalb einer Gesellschaft als allgemein begründbar und daher vernünftig anerkannt wird, nicht das Ergebnis freier Diskussion, sondern abhängig von den (in sozialen Systemen verankerten) Regeln und Verfahrensweisen. Oder anders gesagt: „Vernünftigkeit ist nichts weiter, als die Umsetzung struktureller Systemerfordernisse in Rollenvorschriften, die im System überwacht und sanktioniert werden.“ (Quelle) „Vernunft“ hat also keine ethische Qualität aus sich heraus, sondern ist ein Produkt gesellschaftlicher Moral. In diesem Sinne waren meine Freund*innen und ich während des Bundeslagers also nicht „(un-)vernünftiger“ als sonst, sondern einfach anders vernünftig. Ganz anders, als es ein Text oder eine Diskussion könnte, versetzte uns Estonteco in die Lage, nicht nur rein kognitiv ein anderes Wertesystem zu durchdenken, sondern innerhalb eines solchen zu leben. Ich will die Sache nicht zu sehr überhöhen. Natürlich ist unser „alternatives“ Wertesystem nicht unabhängig vom gesamtgesellschaftlichen Wertekanon entstanden, sondern gerade durch die Auseinandersetzung mit diesem. Die Pfadfinderei ist eben „nur“ eine Subkultur. Gerade weil in Estonteco sozusagen ein „verwandtes Wertesystem“ unser Verhalten bestimmte, handelte es sich um das experimentelle Ausleben einer „besseren Gesellschaft“. Entfernt man sich allzu weit vom verinnerlichten Wertesystem, erlebt man eher das, was u.a. in der Geschichtsdidaktik als Alteritätserfahrung bezeichnet wird. Dabei stellt man zwar fest, was das „Eigene“ und das „Andere“ ist und erkennt, dass auch das „Eigene“ anders sein könnte. In der Regel lebt man diese Alternative aber nicht aus, sondern versteht sie lediglich, weil sie eben zu weit von der eigenen Lebenswirklichkeit und Identität entfernt ist, um die „Umsetzung struktureller Systemerfordernisse“ des anderen Systems erfüllen zu können, ohne dass sich das eigene Selbst hierdurch bedroht fühlt, was wiederum eine negative normative Beurteilung des alternativen Gesellschaftssystems nach sich zöge.

„Die Spinnen, die Ander’n!“

Das Leben auf dem Bundeslager war also ausreichend anders, als der normale Alltag, um von außen auf diesen schauen zu können, hatte aber genügend Ähnlichkeit mit ihm, um nicht direkt als „zu anders“ verworfen zu werden. Als vorübergehend Außenstehende, konnten wir auf dem tatsächlichen und emotionalen „Rückweg in die Zivilisation“ die Systemerfordernisse und Rollenvorschriften des Gesellschaftssystems auf uns einstürmen fühlen, die uns im Alltag unterbewusst steuern, und im Sinne der Mehrheitsgesellschaft „vernünftig“ handeln lassen. Dabei konnten wir leichter als sonst beobachten, welche Formen „vernünftigen Handelns“ aus diesen Systemerfordernissen erwachsen.

Ein kurzes Beispiel, das man so ähnlich immer wieder hört (was es nicht weniger richtig macht): Unser kapitalistisches System ist auf Konsum aufgebaut. Es hat deshalb das Narrativ hervorgebracht, dass Konsum glücklich macht. Je mehr eine Person konsumiert, desto glücklicher ist sie. Die allermeisten Menschen finanzieren ihren Konsum durch Arbeit. Mehr Arbeit bedeutet also mehr Konsum. Wer mehr arbeitet, müsste also glücklicher sein, als wenn er*sie weniger arbeiten würde. Das ist natürlich völliger Humbug, aber eine Logik des bestehenden Systems. Wir wissen dass es Humbug ist, aber im Alltag fühlen wir es oft nicht.

Die Wichtigkeit subkultureller Großereignisse bei der Gestaltung einer gesellschaftlichen Transformation, besteht also in der erfahrenen Diskrepanz zwischen dem tatsächlich erlebten Glück der Teilnehmer*innen, und den anschließend auf sie einstürmenden Glücksversprechen der kapitalistischen Gesellschaft, die einfach nicht zusammenpassen wollen. Es handelt sich dabei um eine ganzheitliche Erfahrung und ist deshalb durch Gedankenexperimente nicht ersetzbar. Aus solchen Erfahrungen erwächst eine völlig andere persönliche Vision von einem besseren Morgen, und damit eine andere Motivation und Zielstrebigkeit, als durch den verkopften Versuch, die Welt 2050 auf dem Reißbrett zu entwerfen. Die Utopie wird in der persönlichen Biografie zu einer bereits erlebten Vergangenheit und damit zu einer möglichen zukünftigen Realität.

Beim Reflektieren dieses Vorgangs, wurde mir vor allem erneut klar, dass es bei gesellschaftlichen Transformationsprozessen weniger um Methoden, als um Ziele gehen sollte. Wir begeben uns zu oft in Grabenkämpfe, die sich beinahe ausschließlich um Methoden drehen: Grundsicherung oder bedingungsloses Grundeinkommen? Grünes Wachstum oder Degrowth? Supergrid oder dezentrale Energiewende? Brennstoffzelle oder Batterie? Wir machen den zweiten Schritt vor dem ersten, hauen uns stundenlang unser Fach- und Halbwissen um die Ohren, und verpassen es dabei, die eine, alles entscheidende Frage zu klären: Was ist das gute Leben eigentlich? Wo wollen wir hin? Auf was kann diese Gesellschaft nicht verzichten? Was ist unsere Utopie? Ich weiß es auch nicht genau, aber an einigen Tagen waren wir in Estonteco schon ziemlich nah dran.

BdP Bundeslager 2017 - 04. August 2017 - 0013_Abschluss

Ein Kommentar zu “Ausbrechen um klarer zu sehen: BULA is over – ESTONTECO bleibt!

  1. Lieber Alex,

    Danke für diesen tollen Beitrag!
    Mir ist es ein Bedürfnis dir auf die erlebte Extremsituation auf dem Bula zu antworten.
    Ich war als Café-Leitung für die „noch stehenden Großkonstruktionen“ eurer Nachbarn verantwortlich.
    Den Moment als der Sturm aufkam, der eure Konstruktion niederriss, hat uns genauso unvorbereitet getroffen wie euch.
    Auch wenn es für uns nicht so vernichtend war wie für euch, war für mich diese Situation auch eine absolute Grenzerfahrung. Und wir sind denkbar knapp davon gekommen, dass unser Zelt auch abgehoben wäre. Als der Wind stärker wurde, haben wir versucht noch alle Seitenplanen halbwegs festzuknüpfen und das Zelt dicht zumachen, vor dem Regen der aufkam. Gleichzeitig lagen Dinge auf dem Platz verstreut, die nicht nass werden sollten. Wir versuchten sie in die Jurte zubringen, in der Hoffnung da bleibt es trocken.

    Als die besagte Windböe kam, hatten wir im Grunde alle Seitenplanen dran und vor allem die windzugewandte Seite fertig geknüpft, in der Idee, der Wind geht so weniger in das Zelt. Doch trotzdem blähte sich auch unser Zelt weiter auf und drohte abzuheben. Der Versuch festzuhalten wäre sinnlos gewesen. Jemand aus meinem Team sagte kurz bevor, wir es nicht mehr halten können, dass wir alle Seitenplanen der windabgeneigten Seite hoch machen sollen, damit die Luft raus kann.
    Das hat im letzten Moment geholfen diese Böe zu überstehen.

    Der nachfolgende WInd und Regen hatte bei uns dann noch zur Folge, dass wir zwei sehr komplizierte lange Risse in unser Dach bekamen. Weil wir recht wenige Stangen verwendeten, erlaubte es die Konstruktion aber nicht, einfach ein Dach auszutauschen. Deswegen mussten wir an der Konstruktion nähen und haben noch eine nachträgliche Stabilisierung gebaut.

    Nass geworden ist am Ende im Grunde alles. Fertig geworden sind wir auch während der Eröffnung. Aber auch wir sind als Team sehr gestärkt heruasgegangen, auch wenn ich einige Tage gebraucht hatte, dass zu akzeptieren.

    Keiner von uns hatte Schuld. Es war eine Naturgewalt. Sie einzuschätzen und vorzubeugen im Grunde unmöglich, gerade bei fliegenden Bauten. Wären Teilnehmende auf dem Platz gewesen, wäre der Platz wahrscheinlich evakuiert worden. Die Schlechtwetterlage und die Sturmböen waren ja angekündigt.
    Wir hatten großes GLück! Und im Nachhinein muss ich sagen ,der Zeitpunk des Sturms lag so, dass wir immerhin die Chance hatten, für einen Neustart und ein ziemlich großartiges Bundeslager!

    Gut Pfad
    Jonathan

    Liken

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